Vom Stifter

Oft werde ich mit der Frage konfrontiert: Wie kommt es, dass ein Mann der sich mit neuesten Technologien beschäftigt, ein so großes Interesse an Pferdewagen (Kutschen, Schlitten und vielem mehr) zeigt?
Kutschen begleiten mich seit meiner frühen Kindheit. Manchmal bedaure ich es, nicht in einer Zeit zu leben als die Straßen mit dem Klappern der Hufe auf den Pflastersteinen erfüllt waren. Als glänzende Kutschen, schwere Bierwagen und leichte Karriolen mit eleganten Damen unterwegs waren.
Ich erlebte gerade noch die letzten Jahre dieser Zeit  mit. Als kleiner, in Breslau wohnender Junge, beobachtete ich in den 5oer Jahren alles, was in meiner Straße  (Lohe Straße) geschah, sehr genau. Dieses Geschehen war für mich aufregend und faszinierend. Die einspurige Straße war für uns Kinder die Arena auf der sich alles Wichtige abspielte. Im Herbst waren große, mit Zuckerrüben beladene Wagen zur Zuckerfabrik in Klettendorf unterwegs. Wir hängten uns gern an diese Wagen und fuhren ein Stück mit, denn die Fahrt ging in Richtung unserer Schule.
Obwohl die Wagen meistens ziemlich langsam fuhren, verloren sie dennoch gelegentlich einige Rüben. Diese wurden von uns aufgesammelt, nach Haus gebracht und dort zu süßem, braunem Sirup verkocht. Vor Weihnachten buk unsere Oma mit diesem Sirup leckere, glasierte Pfefferkuchen.
Täglich bis in die frühen 60er Jahre kamen sehr schnelle, mit Gummirädern versehene Postwagen durch unsere Straße. Noch schöner waren nur die Kutschen und Wagen, die ins nahe gelegene Krankenhaus fuhren. Das  war die "Creme de la Creme" der Pferdewagen. Eingespannt waren stets zwei kastanienbraune, glänzende Pferde, mit schwarz geschmiertem und glänzend geputztem Zaumzeug. Sie zogen stets saubere, grün lackierte Wagen. Die Tür zu diesen befand sich hinten. Diese Wagen brachten die Güter zur Versorgung des Krankenhauses.
Weil diese Pferdewagen sehr schnell unterwegs waren, hatten wir große Mühe sie einzuholen und uns vom Kutscher unbemerkt dranzuhängen. Wir waren stolz wenn uns dieses Kunststück gelang.

Als ich die Fachschule besuchte verbrachte ich meine ganze Freizeit in einem am Weidendamm an der Oder gelegenen, "Rancho" genannten Jugendzentrum. Eines Tages brachte irgendjemand eine Kutsche auf das Gelände des Zentrums. Dieses Ereignis weckte bei den Seglern keine besondere Begeisterung. Nichts desto trotz beschloss einer meiner Freunde diese instand zu setzen. Seine manuellen Fähigkeiten versetzen uns alle in Staunen. Er brachte den Wagen in einen guten Zustand, nur vor den Rädern musste er kapitulieren. Aber auch hier fanden wir eine Lösung. Damit sie während der Fahrt nicht zerbrachen wurden die Räder stundenlang gewässert.
In den darauf folgenden Jahren diente die Kutsche vielen unserer Freunde vom "Rancho" als Hochzeitskutsche.
Man muss sich dieses Bild vorstellen:
eine Kutsche mit galoppierenden Pferden, einem Kutscher mit Zylinder und einem orangenfarbenen Rettungsring an der Seite der Kutsche braust durch die Stadt und stoppt vor dem Rathaus. Dies war die Hochzeit von Iza und Jurek. Der Rettungsring wurde nicht gebraucht -  die Ehe besteht bis heute.
In jener Zeit fuhren in Breslau keine Kutschen mehr und es geschah oft, dass uns ältere Menschen anhielten und mit Wehmut von Zeiten berichteten als es noch viele davon gab.

Die schnellste Fahrt im Nachkriegsbreslau fand an einem Tag im Jahr 1976 (?) statt. Ich sollte Jacek Zloty und seine Braut vom Höfchen Platz zum am Königsplatz gelegenen Standesamt  bringen. Die Kutsche wartete am Mauritiusplatz auf die Rückkehr des Kohlenhändlers um von ihm ein Paar starker, weißer Pferde auszuleihen. Ich wartete und wartete ganze zwei Stunden, aber von dem Mann war nichts zu sehen. Schließlich kam er mit verdrahtetem Kiefer und verbundenem Kopf, einer Mumie ähnlich, endlich doch.
Er berichtete am  Tag zuvor zuviel getrunken zu haben. In diesem Zustand näherte er sich dem Pferd von hinten, das Pferd schlug aus und brach dem Mann den Kiefer.
Die nächste halbe Stunde gestaltete sich filmreif. Ich spannte die Pferde ein und kutschierte den Wagen stehend  im Galopp durch die Brüder Str., Freitag Str., Lohe Str., und August Str. zum  ungeduldig wartenden Brautpaar. Noch heute höre ich das von den Hufen auf dem Pflaster verursachte Geräusch. Ich hatte den Eindruck , dass die Kutsche in den Kurven regelrecht ins Schleudern geriet. Wir kamen doch noch fast pünktlich im Standesamt an. Schwer zu sagen, ob die Pferde oder ich mehr geschwitzt haben.
Einige Jahre später, als ich als  Dozent  den Studiengang Segeln an der Sport Akademie in Breslau (AWF Wroclaw) leitete, entdeckte ich nahe der Anlegestelle eine Kutsche. Sie musste den Platz in der Scheune für einen Traktor freimachen und wurde ins Freie hinter die Scheune gestellt und der Witterung ausgesetzt. Dort ereilte sie das  gleiche Schicksal  wie viele andere Pferdewagen auch: sie verrotte. Nach einigen Jahren waren verrostete Beschläge das einzige, was von ihr übrig blieb.
Ein im Jahr 1977 von mir entdeckter "Mylord" hatte mehr Glück. Fasziniert von der Form des Wagens und der wunderbaren Schmiedearbeit der Beschläge, die das Holz zierten, beschloss ich ihn zu kaufen . Der Wagen stammte aus der weltbekannten Wiener Fabrik Schustall. Ihr erster Besitzer war Anfang des 20. Jahrhunderts der Pfarrer des Dorfes Przemet.
Während ich jedes Jahr viele Monate im Großpolnischen Land verbrachte, durchkämmte ich die dortigen Höfe auf der Suche nach Pferdewagen. Gefundene und erworbene Stücke hängte ich an meinen Fiat 125 Kombi, welcher die Farbe eines damaligen Milizautos hatte und schleppte sie, begleitet von belustigten Kindern, zur Anlegestelle der Breslauer Sportakademie. Die unterwegs getroffenen Polizisten belächelten meine Bemühungen. Auch mein
Rektor  Dr. Jonkisz tolerierte schmunzelnd und mit weiser Nachsicht das ausgefallene Hobby seines jungen Assistenten.
Vor einem Jahr begegnete ich in dieser Gegend einem Bauern, der von einem    "Verrückten"  zu berichten wusste, der vor vielen Jahre alte Kutschen mit dem Auto abschleppte.
In den Jahren 1976-78 konnte ich so 8 Pferdewagen erwerben. Bekannt waren mir aber viele weitere, die aus den besten Europäischen Fabriken z.B. Binder, Lohner oder Milbacher stammten,  für den Geldbeutel eines akademischen Lehrers damals jedoch unerreichbar waren.  Ich erinnere mich an den Tag als der Förster aus dem Ort Olejnica eine wunderschöne, früher dem Grafen Siekowski gehörende, Karosse zu mir brachte. Ein echtes Paradestück: silberne Griffe, geschliffene Kristallfenster und eine bestens erhaltene  Ledertapezierung. Der Preis war auch stolz, er entsprach zwei Jahresgehältern. Man kann halt nicht alles haben! Der Wagen wurde jedoch recht schnell verkauft.
Viele Jahre später zog ich mein Notizbuch mit den Adressen der Besitzer von Pferdewagen hervor. Der Reihe nach schrieb ich diese an. Kein einziger Pferdewagen war mehr in Polen. Alle wurden illegal ins Ausland verkauft.
Trotzdem gelang es mir eine Sammlung von etwa 40 Pferdewagen zusammenzustellen. Wagen deutscher, schweizerischer und polnischer Provenienz:
Coupes, Kutschen, Omnibusse, Volants - je ein Landolett,  Mylord, Jagdwagen, Doktorwagens,  Sulkis, einige wunderschöne Palastschlitten und sogar ein Feuerwehrwagen.
Die Sammlung wird von Mundstücken, Zaumzeug, einigen tausend Postkarten mit Pferdewagen, altem Werkzeug, Apparaten zur Herstellung von Pferdewagen, Stichen, Bildern und Büchern zum Thema vervollständigt.
Viele Wagen wurden dank des Talentes von Herrn R. Gubalski  und der verständnisvollen Unterstützung der Inhaber der Firma Surfland sp.z o.o. sachkundig restauriert.
Das Rad der Geschichte hat sich für mein Hobby insofern gedreht, als das ich jetzt übers Internet Pferdewagen aus Westeuropa kaufe. Zum Beispiel gelang es mir vor einem Jahr, einen aus der hervorragenden Züricher Fabrik Geisberg stammenden Doktorwagen (in idealem Zustand) zu erwerben. Dieser Wagen diente dem Arzt bis in die 50-Jahre für Patientenbesuche in der Umgebung des Genfer Sees. Ein Stück mit Seltenheitswert für einen Sammler. Der Schweizer Zollbeamte  wunderte sich über die verkehrte Richtung in der jetzt derartige Sachen die Grenze passieren. Ich sagte zu ihm daran müsse er sich wohl jetzt gewöhnen.
Auch heute noch höre ich morgens und abends das Klappern von Hufen. Unser Hund bellt dann wie verrückt und würde den Kutschen am liebsten hinterher rennen. Zufall? Nein. In der Nähe unseres Hause werden die Kutschen geparkt,
die in der Breslauer Altstadt  die Touristen umherfahren.
Sammeln ist meine große Leidenschaft, hat aber für mich nur dann einen Sinn wenn ich auch anderen Menschen damit Freude bereiten und zur Erweiterung des Wissens in diesem Bereich beitragen kann.
Dieser Gedanke führte im Jahre 2002 zur Gründung der "Stiftung Gallen".
Der Name der Stiftung wurde vom Ortsnamen Gallowitz abgeleitet. In diesem Ort befindet sich der von mir  erworbene Speicher aus dem XVIII Jahrhundert. Als ich ihn kaufte befand sich der Speicher in einem sehr schlechten Zustand. Die wichtigsten Renovierungsarbeiten habe ich bereits durchführen lassen und selbst finanziert.
Der Speicher ging in den Besitz der Stiftung über, ist deren Sitz und soll das Museum beherbergen. Es bedarf noch vieler Renovierungsmaßnahmen um den Speicher vollständig wiederherzustellen. Auch um die Nutzung als Museum möglich zu machen sind einige wichtige, bauliche Sicherungsmaßnahmen erforderlich. Wir sammeln weiterhin  und bereiten uns auf die Eröffnung einer Ausstellungs- und Bildungsstätte vor.
Ziel ist die Veranschaulichung der Kontinuität der Kultur eines Teiles von Europa, das eine wechselvolle Geschichte erlebte und im Laufe der Zeit zu vielen Staaten gehörte.
Bislang beschränkt sich die Tätigkeit der Stiftung lediglich auf ehrenamtliche Arbeit der Stifter sowie Einsatz deren finanzieller Mittel.
Ich glaube fest daran, dass unsere Stiftung erfolgreich sein wird, was natürlich in hohem Maße davon abhängt, wie viele Menschen wir für unsere Idee begeistern können und wie viele Spenden wir erhalten.

Dr Tadeusz Ko³acz


Fundacja Gallen, Organizacja Po¿ytku Publicznego,
Adres Pocztowy : Galowice 11A, 55-020 ¯órawina, woj. dolno¶l±skie, Polska.
Rejestracja: S±d Rejonowy Wroc³aw Fabryczna KRS 0000141562, NIP: 896 13 56 400, Regon: 932943438
Nr konta bankowego: Lukas Bank nr: 18 1940 1076 3015 5059 0000 0000
e-mail: fundacja @ gallen.pl, www.fundacja.gallen.pl